Freitag, 30. Oktober 2020

30.10.2020 - Journaille

Lügen-Journalismus?

Vor 27 Jahren erscheint im „Spiegel“ eine Titelgeschichte zu einem pannenreichen Polizeieinsatz gegen die RAF. In der Folge trat der damalige Innenminister zurück. Jetzt gesteht das Magazin Fehler ein. Der Vorgang erinnert an den Fall Relotius.

Mit einer vor rund 27 Jahren erschienenen Titelgeschichte zu einem GSG-9-Einsatz gegen die terroristische Rote-Armee-Fraktion (RAF) in Bad Kleinen hat der „Spiegel“ aus Sicht einer Aufklärungskommission einen Fehler gemacht.

Im Abschlussbericht, den das Nachrichtenmagazin am Donnerstag auf seiner Website veröffentlichte, heißt es: „Nach vielen Gesprächen mit damals Beteiligten – innerhalb und außerhalb der Redaktion – ist die Kommission zu der Überzeugung gelangt, dass der ‚Spiegel‘ mit der Berichterstattung über die Abläufe in Bad Kleinen auf Basis einer mangelhaft geprüften und falschen Aussage einen journalistischen Fehler begangen hat.“

Der Autor der damaligen Titelgeschichte „Der Todesschuss“ („Spiegel“ 27/1993), Hans Leyendecker, bezeichnete den Abschlussbericht als „unredlich und unseriös“. ... WELT

 

Donnerstag, 29. Oktober 2020

29.10.2020 - Der maßlose Zorn

Der maßlose Zorn der islamischen Welt zeigt, dass Macron recht hat

Frankreichs Präsident Emmanuel Macron ist nach der tödlichen Messerattacke in Nizza eingetroffen. Er spricht vor Ort mit Sicherheitskräften und dem Bürgermeister von Nizza. Sehen Sie seine Erklärung hier.

 „Terror in Form von Satire“ nannte der türkische Verteidigungsminister Hulusi Akar die jüngste Erdogan-Karikatur auf der Titelseite von „Charlie Hebdo“. Seit Donnerstag früh ist klar, was der Unterschied zwischen groben Scherzen und brutalem Terror ist. Ein Attentäter ermordete in Nizza zwei Frauen, die in der belebten Innenstadt die Kirche Notre-Dame de l’Assomption aufgesucht hatten, vermutlich für einen Moment der Einkehr und des Gebetes.

Der Täter enthauptete eine 70 Jahre alte Rentnerin. Das zweite Opfer war eine 30-jährige Mutter. Laut Zeugen sagte sie noch den Satz: „Sagt meinen Kindern, dass ich sie liebe“, bevor sie starb. Dem Küster der Kirche schnitt der Attentäter die Kehle durch. Nachdem die Polizei den Mörder niederstreckte, soll dieser „wieder und wieder“ „Allahu akbar“ gerufen haben, berichtete der sichtlich verstörte Bürgermeister von Nizza, Christian Estrosi.

Dieser mörderische islamistische Wahnsinn ist inzwischen Alltag in Europa. Unsere französischen Nachbarn trifft er besonders häufig. Erst vor zwei Wochen war der Lehrer Samuel Paty bei Paris enthauptet worden. Fast 300 Menschen wurden in Frankreich seit 2012 von Islamisten ermordet. Das Attentat traf mit Nizza eine Stadt, in der am Nationalfeiertag 2016 ein Attentäter mit einem Lastwagen 86 Menschen getötet hatte. Ein weiterer Anschlag in der Nähe von Avignon konnte heute gerade noch verhindert werden.

Es überrascht nicht, dass in Frankreich die Nerven blank liegen. Längst nicht mehr nur Marine Le Pen ruft nach „Kriegsrecht“. Emmanuel Macron hat in einer großen Rede vor drei Wochen den „islamistischen Separatismus“ als größte Bedrohung für die Republik ausgemacht und den Aufbau eines demokratieverträglichen, französisch-republikanischen Islam gefordert. Genau das hat ihm den maßlosen Zorn der islamischen Welt eingebracht.

Doch dieser Zorn, den Erdogan durch sein verantwortungsloses Gerede mitgeschürt hat, beweist, dass Macron recht hat. Eine Ideologie, die Morde als Reaktion auf hypothetische Prophetenbeleidigung für gerechtfertigt hält, muss konsequent bekämpft werden. Sie ist nicht nur die größte Herausforderung für Frankreich, sondern für die Freiheit in ganz Europa.

Der Kampf gegen sie muss eine europäische Priorität werden. Es wäre hilfreich, wenn man in Deutschland einsähe, dass der Islamismus die größere Bedrohung unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung darstellt als einige verschärfte Corona-Maßnahmen. Das hier ist unser Freiheitskampf. WELT

Mittwoch, 28. Oktober 2020

28.10.2020 - Berlin

«Wir deutschen Ingenieure haben uns geschämt»: Der neue Berliner Flughafen BER ist endlich fertig
Nachdem vierzehn Jahre lang an ihm herumgewerkelt worden ist, wird er nun eröffnet – mitten in der grössten Krise der Luftfahrt seit dem Zweiten Weltkrieg: der neue deutsche Hauptstadt-Flughafen BER. Ein Augenschein. ... (NZZ)

 

Dienstag, 27. Oktober 2020

27.10.2020 - Auf Schliche kommen

"Jude sein, irgendwie sexy."

„Und es ist interessant, wie die Leute suchen einen bestimmten Opferstatus – und welchen nicht. Keiner möchte hier ein syrischer Flüchtling aus dem Mittelmeer sein. Keiner möchte hier aus Belarus oder vom Balkan sein. Aber Jude sein – das ist irgendwie … naja … irgendwie – sexy ist das Wort, das man denkt.“

Der jüdische Seelsorger, der selbst mit einem „Fake-Juden“ zu tun hatte, analysiert: In bestimmten Kreisen, bei vielen Medienmachern, Bildungsbürgern, Israelfreunden oder Philosemiten, könne man mit einer jüdischen Vita Eindruck schinden. Vor allem mit einer Shoah-Geschichte. Walter Rothschild:

„Man ist plötzlich irgendwie etwas Exotisches: Oh, waren Sie auch dann ein Opfer oder ist Ihre Familie auch dann… ohh! Oh, Du Armer! Kann ich Dich umarmen, küssen, Geld schenken? Was auch immer.“

Rothschild, ein gebürtiger Brite, beobachtet, dass in der deutschen Bevölkerung mitunter Schuldgefühle von Generation zu Generation weitergegeben werden – teils auf neurotische Weise: So freuten sich Nichtjuden, wenn sie einen „echten“ Juden treffen, den man irgendwie um Verzeihung bitten kann. Rothschild:

„Beispiel: ‚Ach, es tut mir so leid, was mein Großvater Deinem Großvater angetan hat!‘ Und irgendwie ist man dann auf einer moralisch hohen Ebene.“

Gesellschaftliche Aufwertung

Auf diese Weise werden die Betrüger, die angeblich jüdische Wurzeln haben, aufgewertet – bilanziert der Rabbiner.

„Und das bedeutet: Was auch immer man sagt, was man auch immer tut, kann man sagen: Naja, ich bin Jude, ich darf das!“

Walter Rothschild hat viele Jahre in Schleswig-Holstein gearbeitet. Hier lernte er Wolfgang Seibert kennen, der 15 Jahre lang als Vorsitzender der jüdischen Gemeinde von Pinneberg gearbeitet ist. Seibert war gut vernetzt in der Lokalpolitik und klagte sogar über Morddrohungen.

„Angst hat meine Familie gehabt, massiv. Weil die gesagt haben: Mensch, Du weißt ja gar nicht, was passiert. Die könnten Dich irgendwo … irgendwo einen Anschlag auf Dich machen. Das haben mir viele Leute gesagt, dass diese Gefahr ganz realistisch besteht.“

Allerdings: Auch Seibert ist kein Jude, auch er Sohn evangelischer Eltern. Nach seiner Enttarnung im Oktober 2018 musste der Pinneberger Gemeindechef, der mehrfach vorbestraft war wegen Betrugs und Unterschlagung, zurücktreten.

Die prominenteste Hochstaplerin war wohl Marie Sophie Hingst, die deutsche „Bloggerin des Jahres 2017“. Sie engagierte sich für türkische Dissidenten und textete – von ihrer Wahlheimat Irland aus – über ihre jüdischen Vorfahren sowie über Judenfeindschaft.

„Also, ich habe einen Text geschrieben über Walther Rathenau.“

Berichtete Hingst etwa in einem Radio-Interview über den jüdischen Reichsaußenminister, der 1922 ermordet wurde.

„Da kamen sehr viele Rückmeldungen von Leuten, die gesagt haben: Ja, irgendwie müssen wir über dieses Thema reden. Wie sich das verhält mit dem Antisemitismus, dem neuen, dem alten. Und dem, was Deutschland, aber auch Judentum in Europa bedeutet.“

Im Mai vergangenen Jahres wurde bekannt: Die Protestantin hatte überhaupt keine jüdische Familiengeschichte; und als der Spiegel ihr auf die Schliche kam, nahm sich Marie Sophie Hingst das Leben. ...

Montag, 26. Oktober 2020

26.10.2020 - Hosenanzug

Auf dem XXIII. Parteitag im Jahr 2022 wird die Staatsratsvorsitzende und Generalsekretärin der KPCDU, Angela Hosenanzug, den Beschluss des Politbüros bekanntgeben, dass Wahlen auf zukünftigen Parteitagen nicht mehr durchgeführt werden, weil sie als Zeichen kapitalistischer Dekadenz geächtet sind. Außerdem bleibt Frau Hosenanzug auf Lebenszeit im Amt - sie hat uns geschafft. Wie ihr Ziehvater Erich Honecker, der A. H. als Rache an das demokratische Deutschland stasi-mäßig als Bundeskanzlerin installiert hatte.“

 

Sonntag, 25. Oktober 2020

25.10.2020 - Persönliche Ehre

Die Ehre  

Georg Wilhelm Friedrich Hegel schreibt zum Begriff der Ehre in seinen Vorlesungen über die Ästhetik (entstanden 1835–1838):

„Die Ehre kann nun den mannigfaltigsten Inhalt haben. Denn alles, was ich bin, was ich tue, was mir von anderen angetan wird, gehört auch meiner Ehre an. Ich kann mir deshalb (...) Treue gegen Fürsten, gegen Vaterland, Beruf, Erfüllung der Vaterpflichten, Treue in der Ehe, Rechtschaffenheit in Handel und Wandel, Gewissenhaftigkeit in wissenschaftlichen Forschungen und so fort zur Ehre anrechnen. Für den Gesichtspunkt der Ehre nun aber sind alle diese in sich selbst gültigen und wahrhaftigen Verhältnisse nicht durch sich selbst sanktioniert und anerkannt, sondern erst dadurch, dass ich meine Subjektivität hineinlege und sie hierdurch zur Ehrensache werden lasse. Der Mann von Ehre denkt daher bei allen Dingen zuerst an sich selbst; und nicht, ob etwas an und für sich recht sei oder nicht, ist die Frage, sondern, ob es ihm gemäß sei, ob es seiner Ehre gezieme, sich damit zu befassen, oder davonzubleiben. Und so kann er wohl auch die schlechtesten Dinge tun und ein Mann von Ehre sein. (...)

Verletzbarkeit der Ehre (...) so ist die Ehre das schlechthin Verletzliche. Denn inwieweit ich und in bezug worauf ich die Forderung ausdehnen will, beruht rein in meiner Willkür. Der kleinste Verstoß kann mir in dieser Rücksicht schon von Bedeutung sein; und da der Mensch (...) den Kreis dessen, (...) worein er seine Ehre legen wolle, unendlich zu erweitern vermag, so ist (...) des Streitens und Haderns kein Ende.“

Das Problem, auf das Hegel hier verweist, ist die Beliebigkeit, mit der Menschen in der Moderne den nicht mehr gesellschaftlich verbindlich definierten Begriff der Ehre mit Inhalt füllen können. Trotz dieser realen Beliebigkeit erzeugt der Ehrbegriff den Anschein, etwas sozial und damit intersubjektiv Verbindliches zum Inhalt zu haben. Aus diesem inneren Widerspruch entstehen unendliche soziale Konflikte um die persönliche Ehre.