"Jude sein, irgendwie sexy."
„Und es ist interessant, wie die Leute suchen einen bestimmten Opferstatus
– und welchen nicht. Keiner möchte hier ein syrischer Flüchtling aus dem
Mittelmeer sein. Keiner möchte hier aus Belarus oder vom Balkan sein. Aber Jude
sein – das ist irgendwie … naja … irgendwie – sexy ist das Wort, das man
denkt.“
Der jüdische Seelsorger, der selbst mit einem „Fake-Juden“ zu tun hatte,
analysiert: In bestimmten Kreisen, bei vielen Medienmachern, Bildungsbürgern,
Israelfreunden oder Philosemiten, könne man mit einer jüdischen Vita Eindruck
schinden. Vor allem mit einer Shoah-Geschichte. Walter Rothschild:
„Man ist plötzlich irgendwie etwas Exotisches: Oh, waren Sie auch dann ein
Opfer oder ist Ihre Familie auch dann… ohh! Oh, Du Armer! Kann ich Dich
umarmen, küssen, Geld schenken? Was auch immer.“
Rothschild, ein gebürtiger Brite, beobachtet, dass in der deutschen
Bevölkerung mitunter Schuldgefühle von Generation zu Generation weitergegeben
werden – teils auf neurotische Weise: So freuten sich Nichtjuden, wenn sie
einen „echten“ Juden treffen, den man irgendwie um Verzeihung bitten kann.
Rothschild:
„Beispiel: ‚Ach, es tut mir so leid, was mein Großvater Deinem Großvater
angetan hat!‘ Und irgendwie ist man dann auf einer moralisch hohen Ebene.“
Gesellschaftliche Aufwertung
Auf diese Weise werden die Betrüger, die angeblich jüdische Wurzeln haben,
aufgewertet – bilanziert der Rabbiner.
„Und das bedeutet: Was auch immer man sagt, was man auch immer tut, kann
man sagen: Naja, ich bin Jude, ich darf das!“
Walter Rothschild hat viele Jahre in Schleswig-Holstein gearbeitet. Hier
lernte er Wolfgang Seibert kennen, der 15 Jahre lang als Vorsitzender der
jüdischen Gemeinde von Pinneberg gearbeitet ist. Seibert war gut vernetzt in
der Lokalpolitik und klagte sogar über Morddrohungen.
„Angst hat meine Familie gehabt, massiv. Weil die gesagt haben: Mensch, Du
weißt ja gar nicht, was passiert. Die könnten Dich irgendwo … irgendwo einen
Anschlag auf Dich machen. Das haben mir viele Leute gesagt, dass diese Gefahr
ganz realistisch besteht.“
Allerdings: Auch Seibert ist kein Jude, auch er Sohn evangelischer Eltern.
Nach seiner Enttarnung im Oktober 2018 musste der Pinneberger Gemeindechef, der
mehrfach vorbestraft war wegen Betrugs und Unterschlagung, zurücktreten.
Die prominenteste Hochstaplerin war wohl Marie Sophie Hingst, die deutsche
„Bloggerin des Jahres 2017“. Sie engagierte sich für türkische Dissidenten und
textete – von ihrer Wahlheimat Irland aus – über ihre jüdischen Vorfahren sowie
über Judenfeindschaft.
„Also, ich habe einen Text geschrieben über Walther Rathenau.“
Berichtete Hingst etwa in einem Radio-Interview über den jüdischen
Reichsaußenminister, der 1922 ermordet wurde.
„Da kamen sehr viele Rückmeldungen von Leuten, die gesagt haben: Ja,
irgendwie müssen wir über dieses Thema reden. Wie sich das verhält mit dem
Antisemitismus, dem neuen, dem alten. Und dem, was Deutschland, aber auch
Judentum in Europa bedeutet.“
Im Mai vergangenen Jahres wurde bekannt: Die Protestantin hatte überhaupt
keine jüdische Familiengeschichte; und als der Spiegel ihr auf die Schliche
kam, nahm sich Marie Sophie Hingst das Leben. ...