KOMMENTAR ZUR CORONA-KRISE
Schluss mit Starrsinn in der Corona-Politik
Von Julian Reichelt
In der Corona-Krise sind nur zwei Dinge sicher:
Erstens, ob die Maßnahmen richtig oder falsch, maßvoll oder überzogen
sind, werden wir erst aus den Geschichtsbüchern erfahren. Ob wir auf
Corona als Gesundheitskatastrophe oder Zusammenbruch unserer Wirtschaft
zurückblicken werden, ist vollkommen offen. Es ist möglich, aber
keinesfalls gewiss, dass richtig ist, was gewaltige Mehrheiten für
richtig halten. Es gibt keine Herdenimmunität dagegen, historisch
katastrophal falsch zu liegen.
Zweitens, nahezu alle Experten, denen
wir uns in dieser Krise anvertrauen (müssen), lagen mit nahezu jeder
Einschätzung so falsch, dass unser Glauben an sie sich nur noch mit
Verzweiflung erklären lässt.
Sie haben das Tragen von Masken nahezu
verhöhnt. Nun ist es Pflicht. Sie haben davor gewarnt, Schulen und Kitas
zu schließen. Nun sind Millionen Kinder seit Wochen zu Hause. Sie haben
als nutzlos abgetan, die Grenzen abzuriegeln. Nun kommt niemand mehr
ins Land. Sie haben trotz aller Maßnahmen immer wieder vor dem
unmittelbar bevorstehenden Kollaps unseres Gesundheitssystems gewarnt.
Nun herrschen auf Krankenhausfluren gespenstische Ruhe und Angst vor
Arbeitslosigkeit.
Das Robert-Koch-Institut riet davon ab,
Corona-Tote zu obduzieren. Nun geschieht es trotzdem und Rechtsmediziner
sagen, dass bei Weitem nicht alle Toten tatsächlich an Corona gestorben
seien. Sportanlagen mussten geschlossen werden. Nun ist Tennis in
manchen Bundesländern verboten, in anderen erlaubt, obwohl es doch
eigentlich lebensgefährlich ist.
Was mir am meisten Sorgen bereitet:
Unsere Wirtschaft ist schon jetzt so massiv und teilweise irreparabel
geschädigt, dass unsere Regierung sich kaum noch erlauben kann,
zuzugeben, in ihrer Schärfe überzogen zu haben.
Die Experten müssen
Recht behalten, weil sie nicht falsch liegen dürfen. Die deutsche
Wirtschaft vorschnell ruiniert zu haben, wäre für keine Partei,
vielleicht nicht einmal für die Demokratie überlebbar. Deswegen erleben
wir zunehmend Sturheit, Starrsinn und Rechthaberei – „erinnert mich an
Flüchtlingskrise“, sagt mir ein Mitglied aus Merkels Regierung.
Die
Kanzlerin bezichtigt jeden Zweifler der „Öffnungsdiskussionsorgie“,
raunt davon, manche würden zu forsch handeln, ohne zu sagen, was sie
genau meint. Der CDU-Fraktionschef Ralph Brinkhaus macht sich in
heiterer und hochrangiger Weinrunde über den Abweichler Armin Laschet
lustig und alle lachen.
Ist es in unserem Land eine gute Idee, sich in schwierigen Zeiten über Andersdenkende lustig zu machen und zu erheben?
Ich fürchte, dass sich die Interessen vieler Menschen und derer, die sie vertreten, rasant voneinander entfernen:
• Für jeden Politiker, der sich für Lockerung der Einschränkungen
einsetzt, könnte jeder Corona-Tote zum Hochrisiko werden, so nach dem
Motto: „Das ist Ihr Toter, Herr/Frau Sowieso.“
• Für Millionen
Menschen hingegen ist es verheerend, wenn ihre wirtschaftliche
Existenzgrundlage vernichtet wird, obwohl es weiterhin kaum Corona-Tote
gibt.
Die Politik verweigert sich dieser bitteren, aber leider
notwendigen Debatte, die das unkontrollierbare Ereignis Corona uns
aufzwingt. Dass der Staat niemals Menschenleben abwiegen darf gegen ein
anderes Gut, ist eine noble Idee, die der Realität leider nicht immer
standhält. Kanzler Schmidt entschied sich gegen Schleyer. Kanzlerin
Merkel opferte für unverhandelbare Werte unseres Landes deutsche
Soldaten in Afghanistan.
„Wenn ich höre, alles andere habe vor
dem Schutz von Leben zurückzutreten, dann muss ich sagen: Das ist in
dieser Absolutheit nicht richtig“, sagt Bundestagspräsident Wolfgang
Schäuble („Tagesspiegel“). „Wenn es überhaupt einen absoluten Wert in
unserem Grundgesetz gibt, dann ist das die Würde des Menschen. Die ist
unantastbar. Aber sie schließt nicht aus, dass wir sterben müssen.“
Nur Ideologien kennen Absolutismen. Die Stärke der Demokratie ist, dass
sie auch die unbequemsten Debatten aushält. Wenn sie sie aber
verhindert, macht die Demokratie sich überflüssig. Das Einzige, was in
der Demokratie alternativlos ist, ist die Debatte.
Der geballte
Starrsinn zeigt sich darin, was gerade beim Thema Fußballbundesliga
geschieht. Die Industrie Bundesliga ist bereit, alles dafür zu tun, dass
von ihren Angestellten keinerlei Gefahr für sie oder andere ausgeht.
Wir reden hier über die Freiheit der Berufsausübung, die niemand
anderen gefährdet, sogar weniger als vor Corona – als „Hochrisikospiele“
von Hunderten Polizisten geschützt werden mussten. Trotzdem sind manche
Politiker aus Rechthaberei bereit dazu, eine wertvolle Industrie zu
opfern und Grundrechte massiv zu beschneiden, obwohl jedes Risiko durch
Geisterspiele eine Mär ist.
Weil es hier auch noch um Millionäre
geht, ist die Bundesliga ein dankbares Ziel dieses zerstörerischen
Furors. Ich sage voraus, dass wir als nächstes hören werden, die
„reichen Piloten“ der Lufthansa müsse man nun wirklich nicht mit
Steuergeldern retten. Was für ein Irrsinn!
Ich möchte mir nicht
ausmalen, wie wir in drei, vier Jahren auf diese Wochen und Monate
zurückblicken werden, wenn das Durchschnittsalter der Toten über der
durchschnittlichen Lebenserwartung liegen sollte, Millionen Arbeitslose
auf der Straße sitzen, der Mittelstand, der Hartz IV finanziert,
vernichtet ist. Wenn viele Restaurants für immer geschlossen haben, aber
die Suppenküchen geöffnet sind. Auch daran sollte die Bundeskanzlerin
denken, wenn sie ihre nächste Regierungserklärung hält.
BILD