Als muslimische Sklavenjäger Afrika entvölkerten
“Schuld daran war keine Religion, sondern deren Missbrauch zur
Diskriminierung Andersgläubiger und zur Legitimation absoluter Herrschaft. Wenn
jetzt muslimische und christliche Afrikaner aufeinanderschlagen, zeigt das,
dass solcher Missbrauch noch immer ansteckend ist.”
Hatte es lange so ausgesehen als seien allein die Europäer an Afrikas Elend
schuld, so hat sich das Bild inzwischen gewandelt. Menschenjagden muslimischer
Reitermilizen im Südsudan und das Massaker muslimischer Nomaden an
nigerianischen Christen enthüllen Konfliktlinien, die weit in die vorkoloniale
Ära zurückreichen.
Es wäre an der Zeit, schreibt der afrikanische Anthropologe und
Wirtschaftswissenschaftler Tidiane N’Diaye, “dass der araboislamische
Sklavenhandel, der einem Völkermord gleichkommt, näher untersucht wird und
gleichermaßen zur Sprache kommt wie der transatlantische Menschenhandel.” In
diesem Sinn hat er sein beim Erscheinen in Frankreich 2008 leidenschaftlich und
viel diskutiertes Buch betitelt: “Le génocide voilé” – “Der verschleierte
Völkermord” (Rowohlt, 252 Seiten, 19,90 Euro).
Über 17 Millionen Menschen habe Afrika in den letzten dreizehnhundert
Jahren an araboislamische Sklavenhändler verloren, und dabei sei die noch weit
größere Zahl derer nicht mitgerechnet, die bei der Versklavung ganzer Dörfer
umgebracht wurden. Aus wenn “sich Horror und Grausamkeit weder differenzieren
noch monopolisieren lassen”, könne man doch sagen; “dass der von den
erbarmungslosen arabomuslimischen Räubern betriebene Sklavenhandel und der von
ihnen geführte Dschihad weitaus verheerender für Schwarzafrika war als der
transatlantische Sklavenhandel.”
Begonnen habe dieser fürchterliche Aderlass im Jahre 652, als der General
und Emir Abdallah ben Said dem nubischen König Khalidurat einen Vertrag
aufgezwungen habe, der neben der Auslieferung entflohener Sklaven von Muslimen
auch die jährliche Lieferung von “dreihundertsechzig Sklaven beiderlei
Geschlechts” vorsah, “die unter den Besten eures Landes ausgewählt und an den
Imam der Muslime überstellt werden”. Im heutigen Sudan sei diese Geißel noch
immer aktiv: “Der Horror im Darfur währt mittlerweile seit dem 7. Jahrhundert
bis hinein ins 21. Jahrhundert, mit dem Unterschied, dass es nun auch eine
ethnische Säuberung gibt.”
Dass sich im “Wettstreit der Erinnerungen” afrikanische Stimmen zu Wort
melden, ist nicht neu, aber bislang richtete sich deren Kritik an die Adresse
Europas, an die Betreiber des transatlantischen Sklavenhandels und der
Kolonisierung. Dass der araboislamische Sklavenhandel, den N’Diaye ausdrücklich
als Völkermord brandmarkt, bis heute verschleiert blieb, erklärt er mit einem
“Stockholm-Syndrom afrikanischer Art”, mit der wahnhaften Vorstellung von
Opfern, die sich mit ihren Überwältigern solidarisch fühlen. Araber und
Schwarzafrikaner sähen sich als Angehörige einer Solidargemeinschaft, die
“lange unter dem westlichen Kolonialismus leiden mussten”. So arrangiere sich
“diese afroislamische ,schöne Gesellschaft’ auf Kosten des Westens. Alles
geschieht, als ob die Nachkommen der Opfer Freunde und Verbündete der Henker
geworden wären, denen sie zu Dank und Verschwiegenheit verpflichtet sind.”
Für N’Diaye haben die arabomuslimischen Sklavenhändler und die Sklavenjäger
Afrikas nicht die maßgebliche Vorarbeit für den europäischen Sklavenhandel
geleistet: “Fast zehn Jahrhunderte lang, vom 7. bis 16. Jahrhundert, besaßen
sie sogar das Monopol auf diesen schmählichen Handel”…
Das aber wäre ohne Mittun afrikanischer Potentaten nicht möglich gewesen,
und so war das transatlantische Sklavengeschäft zwischen Europa, Afrika und
Westindien nicht nur in geographischer Hinsicht ein Dreieckshandel. Als
aufstrebende Dritte partizipierten die Europäer vom 17. bis 19. Jahrhundert an
einem System, das zuvor jahrhundertlang Afrikaner in Sklavenkarawanen durch die
Sahara und auf dem Seeweg in die araboislamischen Welt deportiert hatte.
Doch gibt es wichtige Unterschiede zwischen Orient und Okzident. Während
sich die Sklaverei rund ums Mittelmeer bis in die Neuzeit erhalten hat,
betrieben die Mächte des Westens Sklaverei nur in ihren Kolonien. Und hatten
sich europäischer Sklavenhandel und Formulierung der Menschenrechte lange
parallel entwickelt, so siegte am Ende das Recht über die Interessen der
Sklavenhalter...
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