Klima der Intoleranz
ehr als 150 Intellektuelle und Prominente sprechen sich in einem offenen
Brief gegen Denk- und Sprechverbote aus und fordern eine offene Debattenkultur.
Sie beklagen „das Klima der Intoleranz“, das auf allen Seiten der öffentlichen
Debatte entstanden sei, heißt es in dem Schreiben.
„Unsere Kulturinstitutionen stehen vor einem Moment der Prüfung“, heißt es
in dem Brief. ... Eine offene Debatte und Toleranz von Unterschieden würden
zugunsten „ideologischer Konformität“ geschwächt.
Die Unterzeichner kritisieren: „Redakteure werden entlassen, weil sie
umstrittene Texte veröffentlicht haben; Bücher werden wegen angeblicher
Inauthentizität zurückgezogen; Journalisten dürfen nicht über bestimmte Themen
schreiben; gegen Professoren wird ermittelt, weil sie im Unterricht literarische
Werke zitiert haben.“
Damit wollen sich die Verfasser gegen ein Phänomen wehren, das in den USA
„cancel culture“ genannt wird. Gemeint ist, Personengruppen, mit denen eine
andere Gruppe nicht einverstanden ist, zu „canceln“, also Termine mit ihnen abzusagen
oder ihre Entlassung zu fordern.
Mit den genannten Beispielen spielen die Unterzeichner vermutlich auf
mehrere Vorfälle in den USA an, die für Schlagzeilen gesorgt hatten. So war der
Chef der Meinungsseiten der „New York Times“ kürzlich zurückgetreten, nachdem
der Beitrag des Republikaners Tom Cotton für eine Kontroverse und hausinternen
Protest gesorgt hatte. 2019 leitete die Universität The New School in New York
eine Untersuchung gegen die Poetin Laurie Scheck ein, weil sie bei einem Zitat
aus dem Werk des schwarzen Schriftstellers James Baldwin einen rassistischen
Ausdruck mitzitiert hatte.
Autoren warnen vor Einschränkungen der Debattenkultur
Die Autoren warnen in dem Brief vor den „Kräften des Illiberalismus“, zu
deren Verbündeten die Unterzeichner auch US-Präsident Donald Trump zählen.
Diese stellten eine Bedrohung für die Demokratie dar. Der freie Austausch von
Ideen werde täglich eingeschränkter. Zensur breite sich aus. Rasche und strenge
Vergeltung als Reaktion auf vermeintliche Übertretungen in der Sprache und im
Denken würden gefordert. Noch beunruhigender sei, dass Leiter von
gesellschaftlichen Institutionen übereilte und unverhältnismäßige Strafen
verhängten, statt über Reformen nachzudenken.
Am Ende des Briefes warnen die Autoren und Schriftsteller: „Wir müssen uns
die Möglichkeit einer Meinungsverschiedenheit ohne schlimme berufliche
Konsequenzen erhalten. Wenn wir nicht genau das verteidigen wollen, wovon
unsere Arbeit abhängt, sollten wir nicht erwarten, dass die Öffentlichkeit oder
der Staat sie für uns verteidigt.“ (WELT)
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen