Samstag, 11. Juli 2020

11.07.2020 - Bösartig


Klima der Intoleranz

ehr als 150 Intellektuelle und Prominente sprechen sich in einem offenen Brief gegen Denk- und Sprechverbote aus und fordern eine offene Debattenkultur. Sie beklagen „das Klima der Intoleranz“, das auf allen Seiten der öffentlichen Debatte entstanden sei, heißt es in dem Schreiben.

„Unsere Kulturinstitutionen stehen vor einem Moment der Prüfung“, heißt es in dem Brief. ... Eine offene Debatte und Toleranz von Unterschieden würden zugunsten „ideologischer Konformität“ geschwächt.

Die Unterzeichner kritisieren: „Redakteure werden entlassen, weil sie umstrittene Texte veröffentlicht haben; Bücher werden wegen angeblicher Inauthentizität zurückgezogen; Journalisten dürfen nicht über bestimmte Themen schreiben; gegen Professoren wird ermittelt, weil sie im Unterricht literarische Werke zitiert haben.“

Damit wollen sich die Verfasser gegen ein Phänomen wehren, das in den USA „cancel culture“ genannt wird. Gemeint ist, Personengruppen, mit denen eine andere Gruppe nicht einverstanden ist, zu „canceln“, also Termine mit ihnen abzusagen oder ihre Entlassung zu fordern.

Mit den genannten Beispielen spielen die Unterzeichner vermutlich auf mehrere Vorfälle in den USA an, die für Schlagzeilen gesorgt hatten. So war der Chef der Meinungsseiten der „New York Times“ kürzlich zurückgetreten, nachdem der Beitrag des Republikaners Tom Cotton für eine Kontroverse und hausinternen Protest gesorgt hatte. 2019 leitete die Universität The New School in New York eine Untersuchung gegen die Poetin Laurie Scheck ein, weil sie bei einem Zitat aus dem Werk des schwarzen Schriftstellers James Baldwin einen rassistischen Ausdruck mitzitiert hatte.

Autoren warnen vor Einschränkungen der Debattenkultur

Die Autoren warnen in dem Brief vor den „Kräften des Illiberalismus“, zu deren Verbündeten die Unterzeichner auch US-Präsident Donald Trump zählen. Diese stellten eine Bedrohung für die Demokratie dar. Der freie Austausch von Ideen werde täglich eingeschränkter. Zensur breite sich aus. Rasche und strenge Vergeltung als Reaktion auf vermeintliche Übertretungen in der Sprache und im Denken würden gefordert. Noch beunruhigender sei, dass Leiter von gesellschaftlichen Institutionen übereilte und unverhältnismäßige Strafen verhängten, statt über Reformen nachzudenken.

Am Ende des Briefes warnen die Autoren und Schriftsteller: „Wir müssen uns die Möglichkeit einer Meinungsverschiedenheit ohne schlimme berufliche Konsequenzen erhalten. Wenn wir nicht genau das verteidigen wollen, wovon unsere Arbeit abhängt, sollten wir nicht erwarten, dass die Öffentlichkeit oder der Staat sie für uns verteidigt.“ (WELT)








Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen