Mittwoch, 26.08.2020
Heilbronner Stimme
Redaktion – Bettina Hachenberg
Sehr geehrte Frau Hachenberg,
vielen Dank für Ihre schnelle Antwort auf meinen zu langen Brief. Da
haben Sie mir Recht. Tut mir leid.
Sie schreiben:
„Sie (die Geschwister Scholl) haben als junge Menschen erkannt, wie
verbrecherisch das Naziregime ist und haben mutig und aktiv Widerstand
geleistet, wissend, dass sie ihr Leben aufs Spiel setzten.“
Genau das haben die Geschwister Scholl aber nicht erkannt.
Sie waren von 1933 bis 1939 glühende Nazis – und hatten das Dritte
Reich verteidigt, keine Widerstand geleistet.
Nicht 1933, 1934, 1936 oder 1938 oder 1939 gab es keinen Widerstand der
Geschwister, weder aktiv noch passiv..
Die Wende bei den Geschwistern kam erst 1940 in München (Studium), im
Soldatendasein und mit dem Beginn des Krieges.
Die Geschwister Scholl haben auch nicht „mutig und aktiv Widerstand
geleistet“.
Wahrlich nicht. Sie haben lediglich Flugblätter verteilt – einer
brutalen und blutigen Diktatur
(Siehe auch der wichtige Arte-Film über den „Röhm-Putsch“ gestern,
Titel „Durch Mord zur absoluten Macht - Hitler dezimiert die SA“)
Die Festigung der deutschen Nazi-Diktatur im Jahr 1934 durch die
Unterstützung der deutschen Konservativen.
Die Geschwister Scholl habe dazu kaum etwas gesagt –
aber sie waren einverstanden mit Adolf Hitler als Jurist und
erster Richter Deutschlands, etc.
Die Taten der Geschwister Scholl waren kein aktiver Widerstand im
Dritten Reich, sondern ein gewisse „Studenten-Tat“
mit einem tragischen Ende. Nach dem Motto: „Am deutschen Wesen soll die
Welt genesen“.
Oder nach dem Motto „Am deutschen Scholl-Wesen, soll die deutsche
Nazi-Diktatur genesen“.
Also völlig unpolitisch – und ein sehr naiv..
Und sehr dumm.
Widerstand im Dritten Reich sah völlig anders aus. Im Zuchthaus,
KZ, auf der Guillotine, etc.
Sie als Journalistin wissen was ich meine.
„… wissend, dass sie ihr Leben aufs Spiel setzten…“
Genau das wussten die Geschwister Scholl sehr genau.
Nach 1934 oder seit der Juden-Verfolgung 1936 oder die
Schwulen-Verfolgung seit 1937.
Aber die Geschwister Scholl haben zunächst in ihrem „Nazi-Idealismus“ -
und später dann im „Heilige-Deutschland-Idealismus“ offenbar verdrängt
Hans Scholl mag auch darauf spekuliert haben, wie 1937 bei seinem
Homosexuellen-Prozess von einem Wehrmacht-Gericht, nur mit eine Art Rüge zu
wegzukommen.
Der spießige Uni-Hausmeister war halt jedoch „treudeutsch“ - und
meldete an der entscheidenden Nazi-Stelle.
Denunzieren nennt man das heute noch.
„Der größte Lump im
ganzen Land, das ist und bleibt der Denunziant.“
(August Heinrich
Hoffmann von Fallersleben)
Das war in beiden deutschen Diktaturen immer so – Drittes Reich und
DDR.
Es gibt heute wieder politische Verbrecher und charakterlose Lumpen
(„braun- und rotlackierte Nazis“), auch Journalisten,
die gern denunzieren.
Dazu die Bemerkung von Maxim Biller in der NZZ unten*.
Mit freundlichen
Jürgen Dieter
Ueckert
Pfühlstraße 20
74076 Heibronn
Telefon
07131 – 173371
Mobil
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jdueckert@arcor.de
*Bemerkungen von Maxim
Biller, der deutsch-jüdische Schriftsteller in seiem NZZ-Interview
zum Thema „Linksrechtsdeutschen“, zu denen ich in Ihrer Argumentation
zähle, Linksrechts-Leute, die nicht unterscheiden können zwischen „die
militaristische Kriegsverbrecherbande um Stauffenberg als Widerstandshelden
feierte“ oder „die Geschwister Scholl als glühende Nazis/ rechte
Anhänger des heiligen Deutschlands“ (Interview Text siehe oben) - Zitat:
… NZZ: Ich denke schon. Sie haben für
diesen Zwiespalt einen neuen Begriff geprägt: den Linksrechtsdeutschen.
Biller: Frank Schirrmacher, einer der
letzten grossen Feuilleton-Macher, war so einer. Verstehen Sie mich nicht
falsch – ich habe Frank Schirrmacher immer geachtet. Obwohl wir uns nicht
wirklich mochten, nicht einmal gegrüsst haben, liess er mich in der «FAZ»
schreiben. Damit zeigte er eine Grösse, die im heutigen Betrieb oft fehlt. Doch
als Marcel Reich-Ranicki 2013 gestorben war, schrieb Frank Schirrmacher in
seinem Nachruf auf den von ihm so bewunderten Kollegen: «Einen wie ihn werden
wir nicht wiedersehen.» Ich habe lange über diesen Satz nachgedacht. Hat
Schirrmacher Reich-Ranickis Tod nur betrauert – oder hat er zugleich gedacht
und geschrieben: Super, toll, jetzt sind wir den letzten Weimarer Juden los?
Ganz schön ambivalent, nicht wahr? Und ich will gar nicht von seinen
Anfällen von reaktionärem Tourette reden, wenn er die militaristische
Kriegsverbrecherbande um Stauffenberg als Widerstandshelden feierte oder das
menschliche Leid der Nazi-Elite im Hitler-Bunker im Eichinger-Film «Der
Untergang» publizistisch nachfühlte.
NZZ: Das dünkt mich, ehrlich gesagt, eine
sehr forcierte Interpretation von Schirrmachers spätem Wirken. Sie beschreiben
den Linksrechtsdeutschen in Ihrem Essay «Sind Sie auch ein
Linksrechtsdeutscher?» allgemeiner als einen scheinheiligen Typus, der
einerseits ein schuldbewusstes, westliches Leben «zwischen Biomarkt, Amazon
Prime und Kita-Elterngruppe führt» und anderseits «seinen geliebten Grossvater
zurückhaben will und mit ihm auch irgendwie die reaktionäre Deutung der
Geschichte».
Biller: Die meisten Deutschen tun links
und fühlen rechts. Ja, sie sind durch ihre ganze traurige Untertanen-Geschichte
dazu verdammt, linksrechts zu sein, das heisst: unterdrückt, aber nicht
wirklich frei zu sein und darum die Freiheit anderer zu verachten. Die Juden
haben ihnen, als sie im 18. und 19. Jahrhundert aus den Ghettos
herauskamen und das Gute der Aufklärung mit dem Guten der jüdischen Tradition
verbanden, die Möglichkeit gegeben, aus dieser politischen und moralischen
Sackgasse herauszukommen. Aber die meisten Deutschen wollten das gar nicht, sie
haben diese grosse historische Chance nicht genutzt und seit Richard Wagner und
Paul de Lagarde immer wieder gehofft, sie könnten die Juden wieder loswerden.
Ein nuschelnder Maler aus Österreich hat dann fast den Job für sie erledigt.
Ich glaube, das finden heute auch viele von denen, die sich für anständige
Leute halten, trotzdem gut, siehe Schirrmachers schwammigen
Reich-Ranicki-Nachruf. Die extreme Mitte aber, zu der ich mich zähle, müssen
Sie in Deutschland mit der Lupe suchen. Der radikale Aufklärer existiert hier
praktisch nicht, und ich würde mir wünschen, dass die anderen – egal, ob Juden,
Russen oder Türken – sich dieser extremen Mitte anschliessen, die humanistisch
und universell denkt und sich weder von den Linksrechtsdeutschen noch von den
Rechtsnationalen vereinnahmen lässt. Dafür gibt es aber im Moment keine
publizistische Plattform, keinen neuen «Merkur», kein neues «Tempo», keine alte
«Weltwoche», wo man das alles hineinschreiben könnte. Eine solche Zeitschrift
muss noch gegründet werden.
NZZ: Nicht klagen, machen – gründen Sie
sie!
Biller: Ich bin Schriftsteller, kein
Blattmacher. Aber ich hätte für die Leute, die das hoffentlich bald machen, ein
paar interessante Ideen und Namen. …
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