Sonntag, 12. April 2020

12.04.2020 - Menschenverstand

Welche Gesellschaft wollen wir sein?
Der «gesunde Menschenverstand» hat allerdings im Augenblick keine gute Presse. Wer auch nur die Frage andeutet, ob die Stilllegung des gesamten öffentlichen und wirtschaftlichen Lebens angemessen und tatsächlich so alternativlos sei, wie es die deutsche Bundesregierung, ihr Robert-Koch-Institut und der staatstragende Teil der deutschen Medien darstellten, macht sich bereits verdächtig. Schon ist das Etikett des «Corona-Leugners» im Umlauf.
Die Debatte über den richtigen Umgang mit dem Virus spaltet unsere Gesellschaft brutaler, als die Flüchtlingsfrage es je vermochte. Freunde reden nicht mehr miteinander. Selbst tendenziell regierungskritische Zeitungen fragen heutzutage, «welche Gesellschaft wir sein wollen: Eine Gesellschaft, die die Alten und Schwachen schützt? Oder eine, in der nur die Stärksten überleben?»
Wenn man die Frage so formuliert, möchte natürlich niemand zu den abscheulichen Sozialdarwinisten gehören. Aber ist sie eigentlich richtig gestellt? Zu den Schattenseiten unserer steigenden Lebenserwartung gehören leider, zumindest einstweilen, schwerwiegende Erkrankungen, die uns nicht heimgesucht haben, als wir noch mit dreissig Jahren im Kindbett starben oder mit vierzig Jahren an der Erschöpfung durch die Arbeit auf dem Feld oder in der Zeche. Das längere Leben ist ein Geschenk, aber es hat oft einen Preis: Krebs, Herz- und Kreislauferkrankungen, Diabetes mellitus, Alzheimer, übrigens auch Depressionen und Einsamkeit. ...
Gerade die Deutschen gefallen sich in 150-prozentigem Corona-Gehorsam, wahrscheinlich ist immer noch viel von der Ja-Nein-, Schwarz-Weiss-, Gut-Böse-, Freund-Feind-Mentalität Carl Schmitts übrig. Nur wenn die Massnahmen beinhart sind und die Unterwerfung total ist, nur wenn man kritische Nachfragen absolut unterlässt, ist man ein guter Corona-Staatsbürger. Man nimmt gefälligst bei Edeka seinen desinfizierten Einkaufswagen in Empfang, steckt aber direkt danach seinen Parkschein in den nicht desinfizierten Automaten. Man lässt sich als Paar von der Polizei auseinandertreiben bei dem kriminellen Versuch, im Park zwei Brötchen zu verzehren (Picknicks sind in der Berliner Corona-Allgemeinverfügung nicht verboten, aber die Polizei ist dagegen). Man nimmt erstaunt zur Kenntnis, dass offizielle Stellen monatelang vom Maskentragen abrieten (weil es ohnehin keine gab?), und akzeptiert, dass das Umbinden von selbstgenähten Stoffstücken mit Henkeln plötzlich erste Bürgerpflicht ist.
Obwohl, Bürger? Der ehemalige deutsche Innenminister Thomas de Maizière fühlte sich unlängst berufen, den «Ton» zu loben, in dem Bundeskanzlerin Angela Merkel und Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (beide CDU) mit «den Leuten» kommuniziere: «eine Mischung aus Mahnen, manchmal auch Drohen und Ermutigen». Spricht man so mit dem oder über den Souverän? Die deutsche Politik ist nun offenbar endgültig durchpädagogisiert.  ... (NZZ)

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