Welche Gesellschaft wollen wir sein?
Der «gesunde Menschenverstand»
hat allerdings im Augenblick keine gute Presse. Wer auch nur die Frage
andeutet, ob die Stilllegung des gesamten öffentlichen und
wirtschaftlichen Lebens angemessen und tatsächlich so alternativlos sei,
wie es die deutsche Bundesregierung, ihr Robert-Koch-Institut und der
staatstragende Teil der deutschen Medien darstellten, macht sich bereits
verdächtig. Schon ist das Etikett des «Corona-Leugners» im Umlauf.
Die Debatte über den richtigen Umgang mit dem Virus spaltet unsere
Gesellschaft brutaler, als die Flüchtlingsfrage es je vermochte. Freunde
reden nicht mehr miteinander. Selbst tendenziell regierungskritische
Zeitungen fragen heutzutage, «welche Gesellschaft wir sein wollen: Eine
Gesellschaft, die die Alten und Schwachen schützt? Oder eine, in der nur
die Stärksten überleben?»
Wenn man die Frage so formuliert, möchte
natürlich niemand zu den abscheulichen Sozialdarwinisten gehören. Aber
ist sie eigentlich richtig gestellt? Zu den Schattenseiten unserer
steigenden Lebenserwartung gehören leider, zumindest einstweilen,
schwerwiegende Erkrankungen, die uns nicht heimgesucht haben, als wir
noch mit dreissig Jahren im Kindbett starben oder mit vierzig Jahren an
der Erschöpfung durch die Arbeit auf dem Feld oder in der Zeche. Das
längere Leben ist ein Geschenk, aber es hat oft einen Preis: Krebs,
Herz- und Kreislauferkrankungen, Diabetes mellitus, Alzheimer, übrigens
auch Depressionen und Einsamkeit. ...
Gerade die Deutschen gefallen
sich in 150-prozentigem Corona-Gehorsam, wahrscheinlich ist immer noch
viel von der Ja-Nein-, Schwarz-Weiss-, Gut-Böse-,
Freund-Feind-Mentalität Carl Schmitts übrig. Nur wenn die Massnahmen
beinhart sind und die Unterwerfung total ist, nur wenn man kritische
Nachfragen absolut unterlässt, ist man ein guter Corona-Staatsbürger.
Man nimmt gefälligst bei Edeka seinen desinfizierten Einkaufswagen in
Empfang, steckt aber direkt danach seinen Parkschein in den nicht
desinfizierten Automaten. Man lässt sich als Paar von der Polizei
auseinandertreiben bei dem kriminellen Versuch, im Park zwei Brötchen zu
verzehren (Picknicks sind in der Berliner Corona-Allgemeinverfügung
nicht verboten, aber die Polizei ist dagegen). Man nimmt erstaunt zur
Kenntnis, dass offizielle Stellen monatelang vom Maskentragen abrieten
(weil es ohnehin keine gab?), und akzeptiert, dass das Umbinden von
selbstgenähten Stoffstücken mit Henkeln plötzlich erste Bürgerpflicht
ist.
Obwohl, Bürger? Der ehemalige deutsche Innenminister Thomas de
Maizière fühlte sich unlängst berufen, den «Ton» zu loben, in dem
Bundeskanzlerin Angela Merkel und Bundesgesundheitsminister Jens Spahn
(beide CDU) mit «den Leuten» kommuniziere: «eine Mischung aus Mahnen,
manchmal auch Drohen und Ermutigen». Spricht man so mit dem oder über
den Souverän? Die deutsche Politik ist nun offenbar endgültig
durchpädagogisiert. ... (NZZ)
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