EINE ANALYSE VON PETER SCHOLL-LATOUR
Terror in der gefährlichsten Ecke der Welt
08.07.2009 - BILD
Diese Anschläge sind der spektakuläre Höhepunkt einer ganzen Reihe von
Angriffen muslimischer Terroristen in Indien – wir erinnern uns daran,
dass muslimische Extremisten sogar schon versucht haben, das Parlament
in Delhi zu stürmen. Aber der Westen sollte nicht immer gleich die
al-Qaida als Urheber heranziehen, so gut organisiert ist die Truppe
Osama bin Ladens auch nicht.
„Wir betrachten die Terrorangriffe als Krieg“, sagte Indiens Vize-Innenminister Sriprakash Jaiswal. Das Protokoll auf BILD.de.
In Indien leben rund 150 Millionen Muslime, eine sehr starke
Minderheit. Es geht um eine Auseinandersetzung, die sehr tief sitzt. Der
Westen täuscht sich, bei uns wird das Land immer schön und sicher
geredet. Aber so ist das nicht. In Indien gibt es eine ganze Reihe
innenpolitischer Konflikte, es wird eine Stabilität vorgetäuscht, die
nicht da ist.
Ich war im Zentrum des muslimischen Eifers in Indien,
in Deoband (150 Kilometer nördlich von Delhi). Die Stimmung dort
erinnert sehr stark an die Taliban, die Menschen sind mindestens genauso
fanatisch.
Zudem spielt der Kaschmir-Konflikt eine große Rolle: Das
Land sollte wegen seiner muslimischen Mehrheit nach dem Zweiten
Weltkrieg eigentlich an Pakistan fallen, aber es fiel Indien zu, weil
der damalige Machthaber, der Maharadscha Hari Singh, ein Hindu war.
Wir dürfen nicht vergessen, dass die gesamte Region – Afghanistan,
Pakistan, Indien – die gefährlichste Ecke der Welt ist, mit einem
bedrohlichen Atomwaffen-Arsenal. Das größte Problem dabei ist Pakistan
mit seinen 170 Millionen Menschen – Leute, die sehr leicht in religiösen
Eifer verfallen. Wenn der Konflikt dorthin übergreift, kann das ganze
Land auseinanderbrechen.
Die indischen Atomwaffen selbst sind
sicher. Anders die pakistanischen – dort stehen die US-Geheimdienste
bereit, um im Notfall zu verhindern, dass sie in die Hände von
Terroristen gelangen.
In Indien besteht innenpolitisch die Gefahr,
dass die moderate Kongresspartei von Gandhi die nächsten Wahlen verliert
und die hinduistischen Parteien die Macht an sich reißen, dann werden
die Spannungen in dem Land noch größer.
*Peter Scholl-Latour ist Asien-Experte und Buchautor („Der Tod im Reisfeld“, „Zwischen den Fronten“).
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