Donnerstag, 1. Oktober 2020

01.10.2020 - Wendepunkt

Klaus Mann

Die "homosexuellen Nazis"

Klaus Mann ging 1933 ins Exil, in ein unstetes, ständig wech­seln­des. Im August 1934 besuchte er den "Ersten All­uni­ons­kon­gress der So­wjet­schrift­stel­ler" in Moskau und kehrte ent­täuscht zurück. Im März jenes Jahres war dort die erneute Kri­mi­na­li­sie­rung der Ho­mo­se­xua­li­tät be­schlos­sen worden und der so­wje­ti­sche "Staats­dich­ter" Maxim Gorki schrieb dazu in der Prawda vom 23. Mai 1934:

"Während in den Ländern des Fa­schis­mus die Ho­mo­se­xua­li­tät, welche die Jugend verdirbt, un­ge­straft agiert, ist sie in dem Lande, wo das Pro­le­ta­ri­at kühn und mannhaft die Staats­macht erobert hat, als ein soziales Ver­bre­chen erklärt und wird streng bestraft. [...] Man hat sogar das sar­kas­ti­sche Sprich­wort geprägt:

'Rottet die Ho­mo­se­xua­li­tät aus - und der Fa­schis­mus ver­schwin­det.' "

Klaus Mann schrieb darüber im Dezember 1934 in Prag einen Artikel "Die Linke und das 'Laster' ", um sich zu dis­tan­zie­ren und die In­to­le­ranz auch der so­wje­ti­schen to­ta­li­tä­ren Welt­an­schau­ung zu geisseln. Er war nicht allein. Am selben Kongress nahmen auch andere ho­mo­se­xu­el­le Schrift­stel­ler teil und schrie­ben ähnlich darüber: André Gide "Retour de l'URSS", Stefan Zweig "Die Welt von gestern", Panaït Istrati "Auf falscher Bahn. Sechzehn Monate in der Sowjetunion". Am Moskauer Kongress war auch An­ne­ma­rie Schwar­zen­bach. Sie äusserte sich später ebenso wie Klaus Mann.

In Paris und anderswo über­nah­men deutsche Emi­gran­ten­krei­se die sich so billig an­bie­ten­de These des ho­mo­se­xu­ell durch­seuch­ten Na­tio­nal­so­zia­lis­mus, um damit auf der ein­fachs­ten aller mög­li­chen, der Schiene "mo­ra­li­scher Kor­rekt­heit", gegen Hitlers Diktatur zu agieren.

"Als sehr unfein und de­pla­ziert aber musste es emp­fun­den werden, wenn Blätter, die sich mit Vorliebe 'liberal und auf­ge­klär­t' nannten, plötz­lich anfingen 'Kna­ben­schän­der' zu schreien, wie eine hys­te­ri­sche Pas­to­ren­gat­tin."

So Klaus Mann in "Heute und Morgen". Selbst nach dem "Röhm-Putsch" hielten viele weiter an ihrer simplen Vor­stel­lung fest. Das ver­an­lass­te Klaus Mann zu Auf­sät­zen wie den bereits er­wähn­ten "Die Linke und 'das Laster' " und "Woher wir kommen". Im ersteren schrieb er:

"Glaubt man denn immer noch, dass die exklusiv Ho­mo­se­xu­el­len eine ein­heit­li­che Men­schen­art bilden? Das un­glück­li­che Schlag­wort vom 'dritten Ge­schlech­t' hat zu diesem dummen Irrtum bei­ge­tra­gen, in Wahrheit gibt es unter den exklusiv Ho­mo­se­xu­el­len alle Typen - vom de­ka­den­tes­ten Ästheten bis zum Lands­knecht. [...] Das 'Bün­di­sche', sagt man, habe stets ho­mo­ero­ti­schen Cha­rak­ter, und auf dem 'bün­di­schen' Prinzip basiere der Fa­schis­mus. [...] Man er­kun­di­ge sich doch, ob in pro­le­ta­ri­schen, linken Ju­gend­bün­den der­glei­chen aus­ge­schlos­sen war - die Antwort wird den über­ra­schen, der die Ho­mo­se­xua­li­tät für eine Eigenart des Fa­schis­mus hält. [...] Man ist im Begriffe, aus 'dem' Ho­mo­se­xu­el­len den Sün­den­bock zu machen - 'den' Juden der An­ti­fa­schis­ten. Das ist ab­scheu­lich. Mit ein paar Banditen die ero­ti­sche Ver­an­la­gung ge­mein­sam zu haben, macht noch nicht zum Banditen."

Und in seinem Aufsatz "Wen­de­punkt", ge­schrie­ben 1942 im Exil in den USA:

"Die einzig aktuelle, einzig re­le­van­te Frage ist: Wird aus diesem Krieg eine Welt ent­ste­hen, in der Menschen meiner Art leben und wirken können? [...] In einer Welt des ge­si­cher­ten Friedens und der in­ter­na­tio­na­len Zu­sam­men­ar­beit wird man uns brauchen; in einer Welt des Chau­vi­nis­mus, der Dummheit, der Gewalt gäbe es keinen Platz, keine Funktion für uns [...] ich folgte dem Beispiel des ent­mu­tig­ten Hu­ma­nis­ten Stefan Zweig …"

Am 21. Mai 1949 folgte er wirklich diesem Beispiel (Zweig hatte sich das Leben genommen) und starb an einer Überdosis von Schlaf­ta­blet­ten.

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