Heilbronner Stimme
Redaktion
Bettina Hachenberg
zu Händen
Allee 2
74074 Heilbronn
24.08.2020
Betrifft: Ihr Kommentar „Unangemessen“, Seite 31,
24.08.2020
Sehr geehrte Frau Hachenberg,
ich habe Ihren Kommentar „Unangemessen“,
Seite 31, 24.08.2020, gelesen.
Ich bin erschüttert über Ihre Schreibe –
entweder haben Sie sich mit der Geschichte der Geschwister Scholl überhaupt
nicht beschäftigt – oder nur sehr, sehr dürftig.
Lassen Sie meine Argumentation gegen Ihren
Kommentar begründen.
Es
gibt immer Menschen, die das leugne, was die Mehrheit der Menschen für ihre
Wahrheit hält.
Es
wird Menschen, die der Ansicht sind, unsere Erde sei eine Scheibe, die
Geschichte um Jesus sei ein Märchen gewesen, die US-Menschen auf dem Mond
sei nur eine freche Lüge der
USA-Regierung, der Holocaust im zweiten Weltkrieg sei eine jüdische Lüge, die
Corona-Viren seien nur eine heftige oder eine kleine Grippe. Sollen sie. Sie
sind in ihrem Glauben mit dem Gegenteil nicht zu überzeugen.
Das
ist die ein Teil der Freiheit des Denkens in einer aufgeklärten Gesellschaft.
Mit
Anklagen, Prozessen, Gefängnissen oder ähnlichem kann man einer Wahrheit nicht
erzwingen - auch nicht mit Erschießen, auf der Guillotine, Aufhängen, etc. - sondern nur mit Vernunft - mit einer
vernünftigen Kommunikation.
"Mein
Herr, ich teile Ihre Meinung nicht, aber ich würde mein Leben dafür einsetzen,
dass Sie sie äußern dürfen."
Voltaire
Richtig
ist aber auch - die Geschwister Scholl waren bis 1939 glühende Hitler-Anhänger.
Hans
Scholl war schwul und bekam 1937 einen Prozess, in dem durch tolerante
Wehrmacht-Juristen seine homosexuellen Aktivitäten als Jugendsünde dargestellt
wurden. Er hatte Glück. Auch das gibt es in dieser Nazi-Diktatur.
Klar- die Geschwister Scholl waren nationalistische
Schwärmer - die wussten, dass ihre Propaganda-Taten in Kriegszeiten in einer
Nazi-Diktatur mit dem Tode bestraft werden. Sie waren ja nicht naiv.
Das alles wussten die Geschwister Scholl
mindestens seit dem sogenannten
„Röhm-Putsch“, in dem Hitler-Gegner („Sozialisten“) in der Nazi-Partei
und viele Konservativen gnadenlos
ermordet.
Das alles akzeptierten die Geschwister
Scholl - auch als die „Juden-Gesetze“ seit 1936 in Kraft treten, als in den
„Nürnberger Gesetze“ Menschen als
"Volljude" oder "Halbjude“ definiert wurden.
Hinzu kam der verschärften Paragraph 175
(am 10. Juni 1936 wurde die „Reichszentrale
zur Bekämpfung der Homosexualität und Abtreibung“ gegründet),
mit dem viele männliche Homosexuelle ins KZ geworfen, grauenvoll schikaniert
und gnadenlos getötet.
Die
Geschwister Scholl wollten ein „neues Deutschland“ – auch ein „heiliges
Deutschland“, waren insofern durchaus Nationalisten im Dritten Reich.
Die
Geschwister Scholl waren keine
Demokraten - und wollten auch keine werden - sie waren mit der der Nazi-Politik
durchaus einverstanden, geschätzt mit über neunzig Prozent- siehe die Jahre 1934
(Röhm-Putsch), 1936 (Nürnberger Gesetze), 1939 (Kriegspolitik – Österreich,
Stalin-Hitler-Pakt, etc.).
Die
zwei deutschen Diktaturen, brau- und rotlackiert, haben keine Helden erschaffen.
Das ist eine Lüge. 1945 war die Hölle,
durch die Deutschen notwendigerweise musste.
Deutschland
riecht heute noch nach Diktatur im Handeln und im Denken. Leider.
Sie
sollten die Geschwister-Scholl-Geschichte einmal nachlesen, im Internet oder in
Scholl-Biografien (siehe ein Buchtipp am Ende dieses Briefes).
Die
Nazi-Historie der Geschwister Scholl ist
erschreckend. Und widersprüchlich. Die Verlogenheit von Hans Scholl über seine
Homosexualität ist durchaus verständlich, aber auch nahezu am Rande schizophren.
Deshalb
fassen Historiker das Thema "Geschwister Scholl" heute oftmals nur
mit spitzen Fingern an. Eine sehr traurige Geschichte, die Scholl-Geschichte,
die Sie aus meiner Sicht falsch interpretieren und zitieren.
Die
Anti-Nazi-Propaganda der Geschwister Scholl kam zu spät, viel zu spät -ebenso
wie die Tat der Attentäter 1944. Vorher glühende Hitler-Anhänger - und als es
zu spät war, haben dann ihre Verwandten als „Helden“ dargestellt. Das ist eine schiefe
Darstellung. Weil diese Darstellung die glühende Verehrung Hitlers verwischt.
Bis hinein in den Krieg.
Nein
- die Hölle für die Deutschen nach 1945 war angemessen und richtig. Zwei
deutsche Diktaturen zu erschaffen, das war die wahre und wirkliche Hölle – mir
scheint, das ist deutsche Tradition zu sein. Man muss nur den neuen „braun- und
rotelackierten Nazis“ (Kurt Schumacher) zu hören.
Wie
sagte Gorbatschow richtig: „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.“
Auch
dieser kommunistische Generalsekretär –
vielleicht ein Idealist? - kam zu spät.
Und wurde prompt bestraft.
Das
Schicksal ist manchmal sehr brutal und ungerecht. Das weiß jeder Mensch, der über
sein Schicksal ehrlich nachdenkt.
Wer
aber dazu sein Leben oder das anderer Menschen mit Lügen befrachtet, der mag
manchmal ein Idealist sein - oder meistens ein teuflischer Charaktertyp.
Romantik
sollte man in der Dichtung, Religion oder in einer Ideologie suchen - nicht aber
in der harten politischen Realität.
Mit
freundlichen Grüßen
Jürgen Dieter Ueckert
Beilage:
Der Widerstandskämpfer Hans
Scholl - Vom Schwärmer
zum Märtyrer, Von Werner
Birkenmaier, STUTTGARTER
ZEITUNG, 05. Juni 2015
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