Die grün-viktorianischen Gouvernanten
Die Grünen waren mal eine
diskussionswütige Partei, in der Worte und auch Farbbeutel flogen. Sie
haben sich untereinander zerfleischt und bekriegt. Nicht immer ging es
dabei nur um die Sache. Aber sehr oft doch. Heute dominiert offenbar die
Wut über die Diskussion. Womöglich hätten sich früher auch ein paar
Grüne mehr die Zeit genommen, sich das ganze Sat.1-Interview mit Palmer
anzuhören – oder wenigsten die 53 Sekunden, die es kostet, um
Palmers komplette Antwort auf die Frage mitzukriegen, was er denn von
Wolfgang Schäubles Aussage halte, nicht alles sei dem Schutz des Lebens
unterzuordnen – einer, wenn man so will, unangreifbaren, allgemeinen
Schwurbelvariante der Palmer-Äußerungen. Sie hätten dann das gehört:
"Ich glaube, dass es ihm darum geht, dass wir alle irgendwann mal
sterben und auch das Grundgesetz das nicht verhindern kann. Und wenn Sie
die Todeszahlen anschauen durch Corona, dann ist es bei vielen so, dass
eben Menschen über 80 insbesondere sterben, und wir wissen: Über 80
sterben die meisten, irgendwann. Also ist Corona nicht wie Ebola eine
Krankheit, die 20-Jährige mitten aus dem Leben reißt, sondern tödlich
ist sie für hochaltrige Menschen, fast ausschließlich. Und insoweit
müssen wir abwägen. Ich sag's Ihnen mal ganz brutal: Wir retten in
Deutschland möglicherweise Menschen, die in einem halben Jahr sowieso
tot wären, aufgrund ihres Alters und ihrer Vorerkrankungen, aber die
weltweiten Zerstörungen der Weltwirtschaft sorgen nach Einschätzung der
UNO dafür, dass der daraus entstehende Armutsschock dieses Jahr eine
Million Kinder zusätzlich das Leben kostet. Da sieht man: Es (der
shutdown; die Red.) ist ein Medikament mit Nebenwirkungen, wir müssen es
richtig dosieren." (Stern)
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen