Mittwoch, 25. März 2020

25.03.2020 - Palmer

Boris Palmer, OB Tübingen
@was kommt nach dem Lockdown?

Seit zwei Wochen zeige ich hier immer wieder Daten, die belegen, dass fast ausschließlich Menschen mit Vorerkrankungen und in hohem Alter nach einer Corona-Infektion sterben.
Bis heute gibt es darauf viele empörte Reaktionen. Zahlreiche Kommentatoren sehen es als menschenverachtend an, die Daten zur Altersverteilung politisch zu debattieren. Sie unterstellen mir, ich würde das Leben älterer Menschen nicht respektieren oder alte Leute diskriminieren, manche ziehen Vergleiche zur NS-Zeit. Andere stimmen mir zu, wollen aber wissen, warum man darüber aus Politik so wenig hört oder ob das überhaupt diskutiert wird in Berlin. Wieder andere meinen, Corona sei ein Hirngespinst, weil wir ohnehin alle eines Tages sterben müssen.
 
Versuch einer Antwort:
Erstmal zu den Daten: Es ist ganz eindeutig so, dass Menschen unter 40 so gut wie kein Risiko haben, an Corona zu sterben. Der Einwand, die Zahlen aus Italien, seien verzerrt, greift nicht. Die Altersverteilung war schon bei den ersten hundert Toten so wie jetzt. 85% der Toten sind über 60 Jahre alt, der Altersdurchschnitt der Toten lag bei 80 Jahren. In Deutschland ist es jetzt genau so. Es gibt keinen Mangel an Intensivbetten derzeit. Also liegt es nicht daran, dass ältere Menschen schlechter behandelt werden. Es ist einfach eine Eigenschaft des Virus, vor allem alte und kranke Menschen zu töten. Und Viren kümmern sich nicht um Antidiskriminierungsregeln oder Menschenrechte. Wir müssen die Daten so zur Kenntnis nehmen, wie sie sind.
Durch Simulationen von Forschern sehen wir auch immer klarer, dass der aktuelle Lockdown zwar in der Lage ist, die Ausbreitung des Virus drastisch zu verlangsamen. Er ist also jetzt unbedingt richtig. Genau so klar zeigen die Prognosen aber auch, dass wir den Lockdown mindestens ein Jahr wenn nicht gar 18 Monate durchhalten müssten, wenn das unsere einzige Antwort wäre. Machen wir einfach so in vier Wochen wieder auf, kommt der nächste Ausbruch sofort hinterher und das Gesundheitssystem kollabiert. Das geht also nicht.
Es geht aber auch ganz sicher nicht, den jetzigen Zustand 18 Monate festzuschreiben. Das stehen wir nicht durch. Die Menschen nicht. Die öffentliche Ordnung nicht. Die Wirtschaft nicht. Also brauchen wir Alternativen. Diese Alternativen gibt es. Mindestens vier sogar. 

Strategie 1 leitet sich unmittelbar aus dem Risikoprofil ab: Schon im Spiegel vom Samstag hat der Kanzleramtsminister Helge Braun dazu die entscheidenden Sätze gesagt (siehe Screenshot). Die Angehörigen der Risikogruppen werden sehr viel länger isoliert leben müssen als die Jüngeren und Gesunden. Das wäre eine Art neuer Generationenvertrag. Die Älteren bleiben allein zu Hause um sich zu schützen, die Jüngeren gehen arbeiten, versorgen die Älteren und stellen nach und nach eine Herdenimmunität her.
Strategie 2 sind Medikamente zur Therapie. Wenn wir es schaffen, den Verlauf der Erkrankung so abzumildern, dass die meisten Patienten keine Beatmungsgeräte benötigen, ist das Gesundheitssystem gut in der Lage, die Erkrankten zu versorgen. Dafür gibt es bereits erste Medikamente in der Erprobung. Das kann mit Glück schon in vier Wochen zur Verfügung stehen.
Strategie 3 heißt „Testen und nachverfolgen“. Wir können den Lockdown schrittweise lockern, wenn wir in der Lage sind, großflächig zu testen und alle Kontaktpersonen von positiv Getesteten zu ermitteln. Das wird nur gehen, wenn wir die Handydaten heranziehen. Was mich angeht: Virenschutz ist mir aktuell wichtiger als Datenschutz, ich bin dafür.
Strategie 4 sind neue Impfstoffe. An diesen wird intensiv gearbeitet. Aber es sieht nicht danach aus, als könnte man in der ersten Jahreshälfte mit einem Erfolg rechnen. Allein darauf zu hoffen und den Lockdown solange aufrecht zu erhalten, ist also zu riskant.

Die Strategien 1,2 und 3 sind kombinierbar und schon in wenigen Wochen einsatzfähig. Nur die Impfstoffe werden länger auf sich warten lassen. Ich bin überzeugt, dass wir alle Strategien einsetzen müssen und den Lockdown auf diese Weise schrittweise aufheben können. Das Limit der Erleichterungen stellt immer die Kapazität des Gesundheitssystems dar.
Menschenverachtend ist daran gar nichts. Im Gegenteil. Menschenleben kostet es, solche Überlegungen nicht anzustellen und einfach nur in Schockstarre zu verharren.

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